Kommentar zum Loveparade-Unglück

Massenevent auf Biegen und Brechen

NWZ-Inside-Mitarbeiter Florian Scholl ist seit 2001 als DJ, Veranstalter und Booker aktiv und war 2007 und 2008 als Künstlerbetreuer auf der Loveparade. Hier seine Gedanken.

Im Jahr 2007 zog eine Institution von Berlin ins Ruhrgebiet – und das in Zeiten, in denen es eigentlich andersherum läuft. Wer im Bereich Kunst und Musik etwas auf sich hält, zieht in die Hauptstadt. Anders eben die weltgrößte Party der elektronischen Musikszene. Kurz zuvor vom Betreiber einer Fitness-Kette aufgekauft, sollte sie weiterhin bestehen bleiben – auf Biegen und Brechen.

Zuerst ging es nach Essen, wo ich – obwohl damals schon seit sieben Jahren in der Szene aktiv – die Parade das erste Mal besuchen sollte. Es war eine nette Erfahrung, allerdings optisch nicht die schönste – die Essener mögen mir diese städtebauliche Kritik verzeihen.

Ein Jahr später ging es nach Dortmund, wo sich die Platzverhältnisse als etwas weniger großzügig darstellten. War ein Jahr zuvor noch genug Platz, so wurde es in Dortmund doch um einiges enger – und an manchen Stellen sogar gefährlich. Als man dann noch die großen Verkehrsprobleme sah, stellte sich manch einer bereits die Frage: Wie zum Teufel soll das in Bochum mit dessen Infrastruktur funktionieren? Um es zu verdeutlichen: Essen hat knapp 580.000 Einwohner, Dortmund ein wenig mehr. Bochum hingegen hat knapp 380.000 Einwohner. Die Bedenken teilte letztendlich dann ja auch die Deutsche Bahn, so dass die Loveparade 2009 ausfiel.
2010 sollte es also Duisburg sein. Ich muss zugeben, ich hatte zu dem Standort einfach keine Meinung. Essen war der Neubeginn der Loveparade im Ruhrpott, Dortmund hat ein gewisses Flair und die B1 ist eine geschichtsträchtige Strecke.
Aber Bochum und Duisburg? Es sah doch sehr danach aus, als sollte – auf Biegen und Brechen – ein Standort für die Parade gefunden werden. Gut, das Flair der kommerzfreien Demonstration hatte die Parade bereits vor geraumer Zeit verloren, bei aller Gewinnorientierung sollten aber schon die Veranstaltung und die Umgebung zusammenpassen.

Ich bin kein Verfechter der „Die Loveparade gehört nach Berlin“-Rufe, aber eine Parade, die einst zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor oder über die B1 zog, auf ein eingezäuntes, staubiges Bahnhofsgelände zu verbannen, ist genauso unglaublich, als würde man einen Mercedesstern auf einen Trabi kleben.
Nun scheint es so, dass dieses Biegen und Brechen letztendlich dafür verantwortlich gewesen sein könnte, dass Menschen ihr Leben lassen mussten – bei einer Party.
Das besonders Tragische daran ist, dass es sich hierbei nicht um ein unvorhersehbares Unglück handelt. Und die Katastrophe konnte trotz eines bestehenden und, laut beteiligten Behörden, „ausgeklügelten“ Sicherheitssystems geschehen. Beides hat Fragen aufgeworfen. Wer oder was Schuld an der Katastrophe hat, wird in den nächsten Tagen und Wochen die Staatsanwaltschaft ermitteln müssen.
Aber dennoch gibt es Fragen nach dem Warum, die wir sofort beantwortet haben möchten. Eine Pressekonferenz, bei der es so gut wie keine Auskünfte gibt und Fragen mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen abgewiesen werden, verstärkt den öffentlichen Drang danach, selber Antworten zu finden – auch auf Biegen und Brechen.

Andererseits muss man auch berücksichtigen, in welcher Lage die Stadt Duisburg sich befindet. Sie hat eine kommerzielle Veranstaltung mit unvorstellbaren Dimensionen genehmigt, bei der es unter Aufsicht zahlreicher Sicherheits- und Rettungskräfte zur Katastrophe gekommen ist. Und nun sitzt sie vor einer, teilweise wütenden, internationalen Journalistenschar, die nur darauf wartet, ein Schuldeingeständnis zu hören. So paradox es sich auch anhört: Auch die Verantwortlichen haben ein Recht auf Schutz und detaillierte Klärung, denn in Zeiten, in denen Medien wie Twitter und YouTube den klassischen Nachrichtenmedien bezüglich Aktualität den Rang ablaufen, besteht mehr denn je die Gefahr, unter die Räder der Medien zu kommen.
Und was passiert nun mit der Loveparade? Laut Veranstalter Rainer Schaller nichts mehr. Der hat auf besagter Pressekonferenz das Ende der Parade angekündigt. Aber ist das der richtige Weg? Eine Veranstaltung, die in 21 Jahren zusammengerechnet angeblich 14 Millionen Menschen Freude bereitet hat, soll einfach in der Versenkung verschwinden? Die einen Stimmen sagen Ja, denn in Zukunft würde die Loveparade immer im Schatten der unglaublichen Tragödie in Duisburg stehen. Andere wiederum sagen, sie soll den Weg zurück zum Ursprung nach Berlin finden. Aber ist das denn noch möglich?

Eine Veranstaltung in dieser Größenordnung ist ohne groß angelegte Planung einfach nicht möglich. Das hat man sehr deutlich am Beispiel Duisburg gesehen, denn ohne die stabsmäßige Organisation der Rettungskräfte hätte es mit Sicherheit viele weitere Todesopfer zu beklagen gegeben. Die Kosten für den Aufwand sind aber von chronisch leeren Stadtkassen nicht zu stemmen, so dass eine Kommerzialisierung eigentlich unumgänglich ist. Wohin die führen kann, hat man leider ebenfalls in Duisburg gesehen.

Text: Florian Scholl

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Diese News wurde am 30.07.2010 um 14:32 Uhr von Florian Scholl veröffentlicht.
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