Richtiges Sprechen will gelernt sein

Detlef Hacker aus Oldenburg in Tansania

Oldenburg - Als Detlef Hacker im Hörsaal der tansanischen Universität den Beamer einschaltet, schauen seine Schüler mit großen Augen zu. Es ist nicht so, dass sie die Technik nicht kennen würden – aber mit dem zweidimensionalen Querschnitt-Schema des Rachenraumes, das Hacker an die Wand geworfen hat, können die Studenten gar nichts anfangen.

Macht nichts, denkt sich Detlef Hacker – der Strom fällt sowieso ab und zu aus, also kann man auch auf die Darstellung verzichten. Er bittet zwei Studenten nach vorne und zeigt am lebenden Objekt, wo die Töne beim Sprechen entstehen und wie sie sich ihren Weg durch den Körper nach draußen bahnen.

Grundlage UN-Konvention


Durch das große Glasfenster des Hörsaals kann er den Urwald sehen und die dicke graue Wolkendecke, die zur Regenzeit immer den Himmel verschwinden lässt. Er ist in den Usambara-Bergen im Nordosten von Tansania. Detlef Hacker ist an der Universität, um bei der Ausbildung von Sprachtherapeuten zu helfen.

Grundlage für seine Reise ist die UN-Konvention über Rechte von Menschen mit Behinderung. Diese Konvention ist zurzeit vor allem im Zusammenhang mit der Inklusion bekannt. Tansania ist dieser UN-Konvention angeschlossen, aber auch Niedersachsen hat einen entsprechenden Aktionsplan. Das ist der Berührungspunkt, auf dem eine Partnerschaft aufbaut: Die Universität Hannover hat eine Kooperation mit der tansanischen Uni.

Und im Auftrag der Uni Hannover bringt sich die AWo Weser-Ems ein. Als Prokurist der AWo, aber auch als renommierter Experte für Sprachpathologie und Lehre im Bereich Sprachtherapie ist Detlef Hacker nach Tansania gereist. Die Wahl fiel auch auf Hacker, weil er schon öfter beruflich in Afrika, unter anderem in Sambia und Botswana, gewesen ist. Zusammen mit einigen Kollegen war er von Ende April bis Mitte Mai in Tansania, um Studenten zu unterrichten.

Auf schlammigen Straßen machte er sich jeden Morgen auf den Weg zur Universität. Manchmal musste er auch ein bisschen warten, bis der tansanische Fahrer endlich auftauchte, um ihn in seinem Quartier abzuholen. „Da ticken die Uhren einfach anders. Wer mit deutscher Pedanterie dort ankommt, der hat da ganz schlechte Karten“, sagt Hacker mit einem Lächeln.

Fleißige Studenten


Auch die Zeitrechnung sei ein bisschen anders. Morgens um sechs ginge über der Uni die Sonne auf, jeden Tag, weil der Äquator so nah ist. „Um sechs fangen sie an zu zählen und um 18 Uhr hören sie wieder auf. Der Tag hat 12 Stunden“, erklärt Hacker.

Wenn er aber erstmal im Hörsaal ankam, hatten schon seine wissbegierigen Studenten auf ihn gewartet. „Die Studenten haben eine unglaubliche Lernbereitschaft“, sagt Hacker. Am 1. Mai habe er selbst mal einen Tag Pause machen wollen, um sich die Umgebung anzusehen – das haben seine Studenten gar nicht witzig gefunden, erzählt der adrette AWo-Prokurist.

Ihm und der AWo geht es in Tansania nicht nur darum, die Ausbildung von Sprachtherapeuten zu unterstützen. Es geht auch darum, die Sprachtherapieausbildung in dem afrikanischen Land von vornherein auf eine einheitliche Säule zu stellen. Hier in Deutschland gibt es eine solche einheitliche Säule nicht. Es gibt ganz verschiedene Ausbildungswege, manche akademisch, manche nicht. Die AWo setzt sich in Deutschland dafür ein, dass die Ausbildung von Sprachtherapeuten akademisiert und vereinheitlicht wird. Das ist aber nachträglich gar nicht so leicht.

Kulturelle Unterschiede


In Tansania biete sich es die Möglichkeit, von vornherein System zu etablieren, das Sprachtherapeuten hervorbringt, die einheitlich und akademisch auf Fachschulniveau ausgebildet sind und somit überall eingesetzt werden können. Das ist in Deutschland anders – Logopäden beispielsweise können nicht an Schulen arbeiten.

2009 ist an der tansanischen Universität in den Usambara-Bergen der Bachelor-Studiengang Sprachtherapie angelaufen. Aktuell gebe es Verhandlungen über einen Master-Studiengang, sagt Hacker, der Unterstützung leistet bei der akademischen Ausbildung der angehenden Sprachtherapeuten.

Diese Unterstützung ist gar nicht so einfach. Denn die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Afrika sind erheblich. So seien Behinderungen von Menschen – dazu zählen auch Sprachbehinderungen, Sprech-, Stimm- oder Schluckstörungen – in Tansania traditionell nicht als Krankheit angesehen, sondern seien mythologisch aufgeladen, wie Hacker erklärt. „Es wird als Bestrafung der Mutter angesehen, wenn ein Kind Behinderungen hat“, erklärt der Fachmann. „Diese Verstrickung mit Schuld ist dramatisch.“

Ein weiteres Problem sei, dass die Menschen in Tansania normalerweise selten direkten Augenkontakt herstellten. „Das gilt als unhöflich“, sagt Hacker. Diese kulturellen Barrieren müssten überwunden werden – nur dann könnten die Sprachtherapeuten ihren Patienten auf gleicher Höhe begegnen und auf den Mund schauen, was für die Therapie unerlässlich ist.

Nur Anregungen gegeben


„Die angehenden Therapeuten müssen noch sehr viel lernen. Aber wir können nicht vorschreiben, wie das zu funktionieren hat, wir geben nur Anregungen“, stellt Hacker klar. Er sei nicht nach Afrika geflogen, um den Studenten Vorschriften zu machen.

Dass er selbst kein Suaheli spricht, sei kein großes Problem gewesen, meint Hacker: Lautsystem und Silbenstruktur habe er schnell verstanden. Das von ihm entwickelte phonologische Verfahren habe er auch auf diese Sprache anwenden können. Beispielsätze, in denen die Laute auftauchen, die Hacker mit seinen Studenten übte, mussten sich die Studenten allerdings selbst überlegen.

Am 23. Juni ist in Niedersachsen der Tag des Sprechens mit vielen Aktionen zu dem Thema. Mehr Infos unter: www.tag-des-sprechens-nds.de.

Text: Sandra Binkenstein (NWZ)

Diese News wurde am 05.06.2012 um 15:53 Uhr von Redaktion veröffentlicht.
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