
Aline Westphal greift kräftig in die unsichtbaren Saiten. Sie imitiert mit höchster Konzentration Gitarrensoli, wirbelt mit den Haaren, spielt sogar über Kopf und springt mit dem imaginären Instrument in die Luft.
Hildesheim - Mit ihrer Performance hat es die 26-jährige Studentin aus Hildesheim zur Deutschen Meisterin im Luftgitarre-Spielen gebracht. Am 26. August vertritt sie als „The Devil’s Niece“ (Des Teufels Nichte) Deutschland bei den Weltmeisterschaften im finnischen Oulu. „Ich bin mega aufgeregt“, sagt Westphal.
Als eine von drei Frauen unter 13 „nationalen Champions“ wird sie in Finnland ihr Können beweisen müssen. Bewertet werden von einer Jury sowohl die technischen Fertigkeiten an der unsichtbaren Gitarre als auch die Bühnenpräsenz sowie die sagenumwobene „Airness“ (zu deutsch etwa „Luftigkeit“). Was das genau ist, können selbst eingefleischte Luftgitarristen kaum erklären. Aline Westphal ist überzeugt, es komme darauf an, dass Luftgitarre-Spiel zu einer Kunstform zu erheben.
„Natürlich ist es auch Spaß“, sagt sie. Aber für die 26-Jährige hat sich das Luftgitarre-Spielen längst zu einem wissenschaftlichen Gegenstand entwickelt: Die Studentin der Szenischen Künste schreibt ihre Diplomarbeit zur „Kulturgeschichte der Luftgitarre“. Faszinierend findet sie, dass Luftgitarre intuitiv von allen Rockliebhabern gespielt werde. Es handele sich um ein „verbindendes Element der Rockkultur“, das bisher kaum wissenschaftlich betrachtet worden sei.
Westphals Faszination für dieses Phänomen begann mit einem Seminar an der Universität Hildesheim im Jahr 2009. „Der Titel ,Medienästhetische Überlegungen zur Luftgitarre‘ hat mich gleich angesprochen“, erinnert sie sich. Bestandteil des Seminars sei damals die Teilnahme an der deutschen Meisterschaft im Luftgitarre-Spielen gewesen.
Seitdem blieben mehrere Studenten dabei und gründeten die Luftgitarren-Band „Four vs. Hellfire“. Die Gruppe tourt mit einer eigenen Luftgitarren-Oper durch die Umgebung. Höhepunkt der gemeinsamen Karriere ist nun die Weltmeisterschaft in Finnland. Alle Bandkollegen und Dozent Mathias Mertens begleiten Aline Westphal.
In den letzten Tagen vor der WM will sich die Deutsche Meisterin vor allem schonen, denn die Proben sind anstrengend. Kostüm und Song sind bereits ausgesucht: Im roten Paillettenrock und mit schwarzem Top wird die „Nichte des Teufels“ auf der Bühne stehen. Luftgitarre spielt sie zum Song „The Pretender“ von den Foo Fighters.
Nun steigt die Nervosität. „Ich kann nachts gar nicht mehr richtig schlafen. Ich spiele vor 7000 Leuten im Publikum!“, sagt Westphal. Im finnischen Fernsehen werde die Weltmeisterschaft live übertragen. „Das ist ein bischen wie beim Grand Prix: ,Unser Star für Oulu‘“, erzählt die Studentin. Wie einst Sängerin Lena Meyer-Landrut reist sie in der kommenden Woche als Vertreterin Deutschlands nach Skandinavien, um hoffentlich mit einem Titel zurückzukehren.
Text: Karina Scholz









