
München/Duisburg - Noch zehn Tage von der Loveparade in Duisburg hat das Bauaufsichtsamt der Stadt dem Veranstalter Rainer Schaller und seiner Firma Lopavent mit der gebührenpflichtigen Absage des Techno-Events gedroht.
Grund seien falsche Prüfberichte zu „mobilen Zaunelementen“ gewesen, berichtete das Nachrichtenmagazin „Focus“ am Samstag. In einem Schreiben an Lopavent hieß es, die Zäune könnten „zu Stolperfallen“ werden. Ferner monierten die Bauaufseher das Fehlen eines Sachverständigenreports über die Sicherheit der gesamten Veranstaltungsfläche.
Das Papier ging „Focus“ zufolge als Kopie an das Büro von Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Dieser habe nach der Katastrophe behauptet, nichts von diesen Problemen gewusst zu haben.
Der Oberbürgermeister wies am Samstag die Darstellung des Magazins scharf zurück. Nach seinen Angaben ist das von „Focus“ zitierte Schreiben in den Zwischenbericht eingeflossen, den die Stadt am 3. August dem Innenausschuss des Landtages und der Staatsanwaltschaft vorgelegt hat. Daher stelle es kein neues Dokument dar.
In dem Zwischenbericht heißt es auf Seite 20 dazu: „14. Juli 2010, Die Bauaufsicht aktualisiert die Nachforderungsliste für die fehlenden Unterlagen zum Bauantrag. Nach wie vor fehlen Personenstromanalyse, Brandschutzkonzept und weitere Unterlagen, die in dem insgesamt 6-seitigen Schreiben aufgeführt werden.“
Im Zwischenbericht wird auf Seite 21 mit dem Datum 19. Juli 2010 vermerkt: „Der Veranstalter legt die nachgeforderten und fehlenden Bauantragsunterlagen vor...“ Diese Unterlagen seien sowohl dem Innenausschuss als auch der Staatsanwaltschaft bekannt. Nach Angaben von Sauerland dokumentiert der Schriftverkehr den von ihm mehrfach erwähnten Arbeitsprozess in der Verwaltung zur Genehmigungserteilung. Dabei habe die Verwaltung immer nachdrücklich auf die Einhaltung der von ihr formulierten Auflagen bestanden.
Auswirkungen auf Kulturhauptstadt befürchtet
Nach der gelungenen Riesenparty auf der Revier- Autobahn A 40 kam das Loveparade-Desaster am Güterbahnhof mit 21 Toten: Wut und Trauer schmälern seitdem die Freude über das neue Selbstbewusstsein des Reviers. Kann der Wandel vom grauen Kohlenpott zur europäischen Hauptstadt der Kultur überhaupt im vollen Umfang weitergefeiert werden? Nach der Katastrophe bei der Loveparade am 24. Juli reagieren die Verantwortlichen der Ruhr.2010 zwar mit Betroffenheit, machen aber auch klar: die Kulturhauptstadt geht weiter - ohne Einschränkungen.
„Wir haben die Verpflichtung für die Menschen des Ruhrgebiets, unser Programm mit ebenso inspirierenden wie würdigen Kulturangeboten weiter zu führen - immer im Bewusstsein die Tragödie von Duisburg“, sagt Ruhr.2010-Sprecher, Marc-Oliver Hänig. „Gegenwärtig liegt natürlich ein dunkler Schatten auf Ruhr.2010. Wie sich das bis zum Ende des Jahres auswirkt, vermag ich jetzt nicht vorauszusagen“, sagte Geschäftsführer Fritz Pleitgen am Freitag dem „Tagesspiegel“ in Berlin.
Verdrängt wird die Katastrophe nicht: Beim Sinfoniekonzert mit Gustav Mahlers 8. Sinfonie, die „Sinfonie der Tausend“, am 12. September in Duisburg soll an die Opfer und Toten der Loveparade erinnert werden. Auch Bundespräsident Christian Wulff wird erwartet, wenn 1350 Mitwirkende vor über 2600 Gästen auftreten werden. Die Aufführung im Landschaftspark Duisburg-Nord ist die nächste Großveranstaltung der Kulturhauptstadt. Für Angehörigen der Opfer werden Plätze reserviert.
Beim Bühnenfestival Ruhrtriennale, das am 20. August in Bochum startet, ist bisher keine Gedenkminute vorgesehen, sagt Sprecher Oliver Golloch. In Kooperation mit der Ruhr.2010 habe die Ruhrtriennale nur das Musiktheaterstück „Gisela!“ von Hans-Werner Henze ins Programm gehoben. „Da passt keine Gedenkminute hin“, sagt Golloch.
Wird die Kulturhauptstadt im Ruhrgebiet nun immer mit den Bildern der Duisburg-Katastrophe verknüpft sein? „Nein“, sagt der Schweizer Image-Forscher Christian Fichter. „Die Loveparade wird keine Image- Krise für das Ruhrgebiet auslösen“, meint der Wirtschaftspsychologe von der Kalaidos Fachhochschule in Zürich. Schaden nähmen vielmehr große, vergleichbare Technoumzüge wie die Streetparade in Zürich.
Der Dortmunder Filmemacher Adolf Winkelmann („Contergan“) sieht die Auswirkungen der Loveparade aus der Pott-Perspektive: “Diese schrecklichen Dinge sind ein richtiger Nackenschlag für das Ruhrgebiet - und für die Kulturhauptstadt. Das hat doch wieder viele bestätigt, die gesagt haben: die können das nicht“, sagt der Künstler, der derzeit vor allem mit einer Videoinstallation am Kulturzentrum Dortmunder U von sich reden macht. „Mit dem Ende der Loveparade war für mich die Kulturhauptstadt vorbei. Ich weiß nicht, wie man da weiter machen soll. Mein Gefühl ist, dass das schief gegangen ist“, erklärt er und ergänzt: „Die Duisburger Loveparade hatte für mich nie etwas mit Kultur zu tun.“
Text: DDP und DPA









