
Hannover. Wer in einer Familie ohne Akademiker aufwächst, studiert eher selten. Den Kindern fehlten oft die Vorbilder, dazu komme ein „starker Auftrag der Familie, Geld zu verdienen“, sagte Christiane Dienel, Präsidentin der Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen, am Dienstag in Hannover.
Um diese sogenannten „Studierenden der ersten Generation“ dennoch für ein Studium zu begeistern, startet Dienels Hochschule nun gemeinsam mit der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen ein Projekt: Aus ausgebildeten Handwerkern mit Berufserfahrung sollen Bachelorstudenten werden, etwa Bauingenieure oder Designer.
„Wir müssen in Deutschland die Bildungsbeteiligung erhöhen“, sagte die niedersächsische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU). Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und damit einhergehenden Fachkräftemangels könne man es sich nicht leisten, dass nur etwa 12 Prozent der Kinder aus sozial benachteiligten Familien studierten. In Familien ohne akademischen Hintergrund liege die Quote zwar mit rund 50 Prozent höher, doch auch hier sei es wichtig, die Kinder zum Studium zu animieren.
Deshalb fördert das Land bis Ende 2013 mit insgesamt einer Million Euro mehrere Hochschulprojekte, die sich gezielt für die Unterstützung von Studierenden ohne akademischen Hintergrund einsetzen. Fünf Initiativen der Universitäten Göttingen, Hildesheim und Oldenburg sowie der Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen und der Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel wurden bereits von einer Expertengruppe ausgewählt, zwei weitere Projekte der Universität Osnabrück und der Hochschule Emden/Leer sollen noch folgen. Gefördert wird außerdem die Eröffnung eines Büros der bundesweiten Initiative „Arbeiterkind.de“ in Hannover, die Schüler zum Studium ermutigt.
Die Hochschulen haben individuelle Projekte für ihre Studenten geschneidert, setzen aber alle auf Mentoren. Diese sollen möglichst schon in der Schule als Ansprechpartner bereitstehen und eine Vorbildfunktion haben. Darüber hinaus gibt es eine umfangreiche Beratung zur Studienwahl, Hilfe bei Finanzierungsfragen und Brückenkurse, um etwa Wissenslücken in Mathematik rechtzeitig vor der ersten Prüfung zu schließen. Ohne derlei Angebote seien Studienanfänger ohne Hilfestellung aus einem Elternhaus mit Hochschulerfahrung von der Komplexität eines Studiums schnell überfordert, sagte Martin Scholz, Leiter der Zentralen Studienberatung der Stiftung Universität Hildesheim.
Dass die niedersächsischen Studiengebühren ebenfalls einen nicht unerheblichen Anteil an den niedrigen Studierendenzahlen aus Nicht-Akademiker-Haushalten haben, wollten die Vertreter der Hochschulen allerdings nicht bestätigen. Die Gebühren seien eine von vielen Hürden bei der Finanzierung eines Studiums, aber nicht ausschlaggebend, sagte Wolf Dermann von „Arbeiterkind.de“.
Bei Studenten aus einer Handwerkerfamilie würden die Gebühren sogar als Merkmal für die Qualität der Ausbildung wahrgenommen und akzeptiert, sagte Dienel. „Die wissen, dass die Meisterschule auch etwas kostet.“
Text: Von unseren Agenturen















