Iris Berben und Peter Simonischek

"Das Eis wird dünner"

Iris Berben und Peter Simonischek haben in Film und Theater, aber auch im Leben alles erlebt. Karrieren mit Höhen und Tiefen, private Krisen, das Zerbrechen der Liebe und den Verlust von Familie. Peter Simonischek, 65, war einst mit Schauspielerin Charlotte Schwab verheiratet. Mit ihr hat er Sohn Max Simonischek, der ebenfalls als Schauspieler ("Hindenburg") arbeitet. Seit 1989 ist Vater Peter mit Schauspielerin Brigitte Karner verheiratet, mit der er zwei weitere Söhne bekam. Iris Berben, 61, gab den leiblichen Vater ihres 1971 geborenen Sohnes Oliver nie bekannt. Sie lebte fast zwei Jahrzehnte mit dem israelischen Geschäftsmann Gabriel Lewy zusammen, 2006 ging die Beziehung auseinander. Heute ist Berben mit dem zehn Jahre jüngeren Stuntman Heiko Kiesow liiert. Im herausragenden ARD-Fernsehfilm "Liebesjahre" (Mo., 05.12., 20.15 Uhr) spielen Iris Berben und Peter Simonischek nun ein gescheitertes Ehepaar, das sich nach vielen Jahren wiedertrifft, um sein Leben aufzuarbeiten.

Frage: "Liebesjahre" stellt die Frage, ob man den Moment, in dem man sein Glück verliert, festmachen kann. Was glauben Sie?

Iris Berben: Im Film räume ich quasi symbolisch ein Bild weg, das die Familie in glücklichen Tagen zeigt. Wenn die Liebe geht, ist das aber im Film wie im Leben meist ein schleichender Prozess. Es sei denn, man ist von einem großen unglücklichen Ereignis betroffen. Meistens geht das sich Entlieben sehr langsam vonstatten.

Frage: Warum tun viele Paare so wenig dagegen, obwohl sie diesen Prozess vielleicht längst erkannt haben?

Peter Simonischek: Das ist in der Tat ein weit verbreitetes Phänomen. Konstantin Wecker hat mal in einem Lied ein schönes Bild dafür gefunden. Da sagt er, dass die Liebe verloren geht, wie ein Taschentuch. Oder war es ein Hut? Man merkt es jedenfalls nicht gleich. Plötzlich ist etwas weg und man fragt sich: Wo habe ich das denn verloren?

Frage: Kämpfen die Menschen zu wenig für ihre Liebe?

Berben: Das ist auch eine Generations- oder Altersfrage. Ich bin jemand, der Dinge gerne länger aushält und hinterfragt. Mir macht die Schnelligkeit Angst, mit der Menschen heute ihre Beziehungen über Bord werfen. Natürlich ist so ein Satz wie "Liebe ist Arbeit" ziemlich angreifbar. Da sagen viele: Wer Liebe mit Arbeit gleichsetzt, hat schon verloren. Ich glaube dennoch, dass es so ist. Und dass die Menschen, die das Wort Arbeit in diesem Zusammenhang nicht hören wollen, eher ein falsches Bild vom Begriff Arbeit mitbringen.

Simonischek: Wenn sich Paare trennen, die lange zusammen waren, ist es oft einfach auch eine Frage der unterschiedlichen Entwicklung. Man liebt sich und wächst gemeinsam. Aber manchmal einfach in eine unterschiedliche Richtung.

Frage: Ist eine Trennung im fortgeschrittenen Lebensalter leichter oder schwieriger als in jungen Jahren?

Berben: Leichter wird das mit den Jahren sicher nicht. Andererseits trifft man seine Entscheidungen auch bewusster. Ich bin jetzt über 60. Da spürt man, dass die Zeit knapper wird. Und dass Dinge nicht irgendwann passieren, sondern dass man das konkret benennen kann und muss. Ich werde mit dem Alter eher mutiger. Auch in Hinblick darauf, dass ich scheitern könnte. Ich sage auch nicht mehr: Ab jetzt ist es das eine Richtige. Ich glaube, ich habe im Leben vieles richtig gemacht. Auch in meinen wenigen Beziehungen, die ich hatte und die später auseinandergegangen sind.

Simonischek: Für viele hört die Liebe da auf, wo die Verliebtheit endet. Manche Menschen arbeiten sich ein Leben lang daran ab, den Unterschied zu begreifen. Einige lernen es nie - was sicher tragisch ist. Letztlich bleibt man dann allein. Die Liebe hat erst dann eine Chance, wenn man das Abflauen der Hormone überstanden hat. Wenn man ehrlich beurteilen kann, ob man wirklich zueinander passt. Trotzdem soll die Verliebtheit natürlich auch später immer wieder mal auftauchen, keine Frage. Es ist wie mit dem Glücklichsein. Das ist ja kein Zustand - es sind Momente im Leben. Wenn man zu diesen Momenten fähig ist, hat man schon einiges richtig gemacht.

Frage: Gibt es bestimmte Lebensalter, die zu einer Bilanz zwingen?

Berben: Bei mir ist das ziemlich banal. So etwas findet immer im Zuge der Rituale um einen runden Geburtstag herum statt. Vielleicht sehe ich das auch nur so, weil ich eine öffentliche Person bin und ich von allen Seiten dazu befragt und darauf hingewiesen werde. Ich persönlich bräuchte diese Rituale nicht, denn ich gehe ohnehin schon sehr selbstanalytisch durchs Leben. Doch was soll man machen, wenn man vom Staatsminister plötzlich einen Lebenspreis bekommt? Da kommt man nicht umhin, eben noch mal über dieses Leben nachzudenken. Natürlich macht man das eher bei höheren runden Geburtstagen. Dann, wenn das eigene Leben unter diesem altmodischen aber absolut zutreffenden Begriff "kostbar" abläuft.

Simonischek: Wer sein Leben ernsthaft bilanzieren will, sollte rechtzeitig damit anfangen, Tagebuch zu schreiben. Ich plädiere dafür! Nicht weil ich es tue, sondern weil ich es nicht tue. Meine erste Frau hat immer Tagebuch geschrieben. Mittlerweile sind es wohl ein paar Meter. Und es ist unglaublich aufregend, da drin nach 20 Jahren oder so mal wieder ein paar Seiten zu lesen. Ich kann mir vorstellen, dass ein Tagebuch ungemein hilfreich ist, wenn man sein eigenes Leben irgendwann bilanzieren will.

Frage: Wenn wir schon über runde Geburtstage sprechen - welcher war für Sie der Schlimmste?

Berben: Mein schlimmster Geburtstag war ganz klar der fünfzigste. Da fing bei mir alles an zu schwimmen. Sodass ich mich über mich selbst ärgerte und fragte: Iris! Wo ist denn jetzt deine Souveränität? Damals habe ich ein ganzes Jahr mit der Arbeit aufgehört, habe keinen Film angenommen und wollte nur noch wissen, wie sich das anfühlt. Ob ich meine innere Stimme noch höre. Ich dachte darüber nach, dass ich vielleicht den Absprung verpasst habe und mich eigentlich keiner mehr sehen will. Heute kommt mir das ziemlich weit weg vor. Ja - das war schon eine heftige Bilanz.

Frage: Was haben Sie damals gelernt?

Berben: Dass es mir weniger um die Anerkennung geht, sondern um das Miteinander. Gut zu leben, zufrieden zu sein mit dem, was man macht, hat vor allem damit zu tun, für welche Art von Arbeit mit welchen Leuten ich mich entscheide. Der Erfolg ist sekundär. Im Gegenteil: Das Eis, auf dem ich stehe, sollte immer dünner werden. Das hört sich zwar paradox an, aber ich empfinde diese Lust, sich immer mehr zu zeigen, als großes Abenteuer und als spannende Aufgabe des Alters. Dieses eine Jahr hat mir sehr viel gebracht. Und seitdem gibt es auch keine schlimmen Geburtstage mehr (lacht).

Frage: "Dünnes Eis" ist ein gutes Stichwort. Wenn man jung ist und den Versuch unternimmt, sich selbst in 20 oder 30 Jahren vorzustellen, sieht man oft einen abgeklärten und gesetzten Menschen. Ein Irrglaube?

Simonischek: Ich wünsche mir manchmal, dass ich meinen Kindern vermitteln könnte, was es heißt, älter zu werden. Als ich jung war - und ich denke, meine Söhne haben in etwa das gleiche Gefühl den Alten gegenüber -, dachte ich immer, die Alten sind etwas anderes. So etwas wie eine andere Spezies - ein Alien von einem fernen Planeten. Ich würde ihnen gerne klar machen, dass sich das Gefühl einem selbst gegenüber nicht verändert. Ich weiß noch ganz genau, was ich nach dem Abitur in jenem Café, in das wir gingen, bestellt habe - einen Kontuschowka, so einen süßen Anis-Wodka. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er da vor mir auf dem Tisch stand - wir haben ihn angezündet. Manchmal sind die Bilder von früher so nah, als ob gar nichts dazwischen passiert wäre. Und dann gibt es wieder Situationen, wenn man in Gegenden kommt, wo man schon mal war, vor 25 oder 30 Jahren, da sagt man: Mein Gott, ist das lange her. So ein Leben rast durch die Zeit, aber man selbst bleibt dabei eigentlich die größte Konstante.

Frage: Man würde junge Leute aber wohl eher erschrecken oder sogar verärgern, würde man sie auf die Kostbarkeit des Lebens einschwören. Oder, wenn man ihnen klar machen wollte, dass man später derselbe in alt sein wird ...

Berben: Mein Gott, natürlich. Sie würden einem wahrscheinlich gar nicht zuhören, und das ist auch gut so. Jeder Mensch muss seine eigenen Erfahrungen machen. Auf grundsätzliche große Umwälzungen des Lebens, mögen sie nun schleichend oder schlagartig passieren, kann man sich nicht vorbereiten. Da muss man einfach durch. Ich finde, Peter hat absolut Recht. Man selbst verändert sich nicht. Na klar, man wächst und lernt im Leben. Aber dieses Gefühl: Aha, jetzt bin ich ein älterer oder reifer Mensch, das stellt sich auch bei mir irgendwie nicht ein. Ich schaue mir manchmal meine Mutter an mit ihren 89 Jahren und überlege: Was hat eigentlich diese Zahl, unser beider Lebensalter, mit uns zu tun? Meine Mutter fährt immer noch Auto und hält ihren Haushalt in Schuss. Vor allem aber ist sie geistig voll auf der Höhe. Sie ist dieselbe geblieben - auch, wenn alles etwas langsamer geht, das ärgert einen, na klar. Manche glauben sogar, ab einem bestimmten Alter gehört man nicht mehr richtig zum Leben dazu. Was für ein Quatsch! Man gehört immer dazu, das hört nie auf.

Simonischek: Bei mir war es noch nie die Zahl, das Alter selbst, was mich erschreckt hat oder zum Nachdenken brachte. Es sind eher solche kleinen Momente. Wenn zum Beispiel die letzte Kinderstimme verschwindet. Mein jüngster Sohn ist 14 Jahre alt. Im Sommer war er länger weg und kommt mit einer tiefen Männerstimme zurück: "Hallo Papa!" Und vor dem Sommer war das noch eine Kinderpiepsstimme. Das sind für mich die Momente, in denen man die Zeit verfliegen sieht.

Frage: Welchen Effekt erhoffen Sie sich von "Liebesjahre" beim Zuschauer? Außer, dass den Film viele Menschen sehen ...

Simonischek: Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann den Effekt, dass Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, die sozusagen seelisch untereinander auf den Mund gefallen sind, vielleicht den Mut bekommen, den anderen doch mal anzurufen. Vielleicht mal schauen, ob sich was verändert hat.

Berben: Das ist ein schöner Wunsch. Man will nie Lehrmeister sein, aber wenn Filme dazu beitragen, dass Gefühle bei Menschen wiedererweckt werden, so dass sie über ihr Leben nachdenken, über unaufgearbeitete Beziehungen und lose Enden, dann wäre das großartig. Und wenn dann noch einer den Impuls kriegt, nach vielleicht langen Jahren des Schweigens auf den anderen zuzugehen, dann würde sich das für mich super anfühlen (lacht).

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