Ulrike C. Tscharre

Natürlich, bodenständig, neugierig

Älterer Herr, junge Frau, große Liebe, Haus am See, alte Gefühle, neu entflammt ... - Dass aus diesen per se Pilcher-verdächtigen Zutaten eben kein süßliches Kitschgebräu gekocht wurde, sondern eine der bezauberndsten Liebesgeschichten des Jahres, ist auch ein Verdienst der Hauptdarstellerin Ulrike C. Tscharre. Die Gefühlswelten, die die 38-jährige Wahl-Berlinerin ("Schöne Frauen") im NDR-Drama "Letzter Moment" (TV-Premiere am Freitag, 17. September, 20.15 Uhr, bei ARTE) zusammen mit Haudegen Matthias Habich auslotet, sind zwar ungemein intensiv, aber sie wirken niemals übertrieben. Mit viel natürlicher Ausstrahlung und wuchtiger Glaubwürdigkeit spielt die ehemalige Marion Beimer aus der "Lindenstraße", die schon lange kein Geheimtipp mehr ist und auch in Dominik Grafs Superserie "Im Angesicht des Verbrechens" (ab 22. Oktober, 21.45 Uhr, freitags, in fünf Doppelfolgen) mitwirkt, hier eine Kellnerin, die kurz vor ihrer Hochzeit steht. Und spät in der Nacht von ihrem letzten Gast angesprochen wird. Es ist ein fremder Mann, der mehr als doppelt so alt ist wie sie. Daraus kann doch nichts werden. Oder alles.

teleschau: Frau Tscharre, angenommen, Sie werden spätnachts in einer Bar von einem fremden Mann angesprochen ...

Ulrike C. Tscharre: Oh! Null Chance (lacht)!

teleschau: So gar nicht?

Tscharre: Ne. Man soll zwar niemals nie sagen, aber ich ticke in Beziehungsdingen einfach nicht so. Ich bin schon viele Jahre mit meinem Lebenspartner zusammen.

teleschau: In dem Film "Letzter Moment" geht es auch weniger um Sex als um die ganz großen Gefühle. Was macht eine gute Liebesbeziehung für Sie aus?

Tscharre: Dass man den anderen so sein lassen kann, wie er ist. Man darf nicht anfangen, den Partner ändern zu wollen. Wenn ich gleich am Anfang merke, dass es da zwei, drei Sachen gibt, die ich nicht so toll finde und mir einrede, dass ich die schon noch irgendwie hinkriege, dann ist der erste Fehler schon gemacht ... Das würde ich mir dann, denke ich, lieber abschminken.

teleschau: Zwei Menschen begegnen sich und stellen fest, dass es die ganz große Liebe ist. Ist es eigentlich eine besondere Herausforderung, so etwas glaubwürdig zu verkörpern?

Tscharre: Für mich nicht. Es war mir vielmehr eine unglaubliche Freude, weil die Story so schlüssig und griffig angelegt war, da hat einfach alles gestimmt. Eine Herausforderung wäre es, eine unwichtige, seichte Geschichte mit Leben zu füllen.

teleschau: Dabei erschrickt man hier erst ein bisschen: Älterer Herr verliebt sich in sehr viel jüngere Frau, die schmeißt just am Tag ihrer Hochzeit ihr Leben um, und dann entpuppt sich ihre Mutter noch als Ex-Geliebte des Freundes ... Um Gottes willen!

Tscharre: (lacht) Dass die Geschichte nicht kitschig rüberkommt, wie sie einem vielleicht auf Anhieb erscheinen mag, ist der Verdienst von Regisseur und Autor Sathyan Ramesh. Er ist voll mit großen Gefühlen und hat eine sehr kluge Sicht auf die Dinge. Wir haben hier nicht wild herumimprovisiert, sondern das Drehbuch so umgesetzt, wie es geschrieben war. Es waren vier intensive Dreh-Wochen. Eine tolle, harmonische Produktion mit einem gewissen Zauber, und auch zwischen den Hauptdarstellern, zwischen Matthias Habich und mir, hat die Chemie absolut gestimmt - ich denke, all das merkt der Zuschauer am Ende auch.

teleschau: Kann man so eine intensive Beziehung nur spielen, wenn man sich perfekt versteht? Schließlich gibt es eine unglaubliche Intimität zwischen den Protagonisten.

Tscharre: Ja, das ist Voraussetzung. Wobei ich einmal in meiner Karriere auch schon vor der anderen Situation stand: Ich musste in einen Kollegen, den ich wirklich schrecklich fand, ganz furchtbar verliebt sein. Das war kein Spaß (lacht), ich weiß gar nicht, wie ich das damals hinbekommen habe ...

teleschau: Gerade die Kamera ist bei "Letzter Moment" sehr intensiv. Viele Nahaufnahmen, auch Nacktszenen ... Ein Problem?

Tscharre: Ich sage immer: Augen auf beim Drehbuch-Lesen! Wenn das da explizit so drin steht, darf ich mich nicht beschweren, wenn ich mich am Set ausziehen muss. Ich wusste in diesem Fall ganz genau, was auf mich zukommt und fühlte mich beim Dreh gut aufgehoben. Es wäre verlogen gewesen und hätte nicht zu diesem Film gepasst, den BH bei dieser Szene anzuhalten oder mit der Kamera nur auf den Gesichtern zu bleiben. - Auch wenn ich überhaupt nicht wild darauf bin, mich auszuziehen.

teleschau: Wie fühlt es sich an, wenn Sie sich dann zu Hause auf dem eigenen Fernseher ansehen?

Tscharre: Ach, das ist dann, wie bei den meisten Schauspielern, ziemlich professionell geprägt. Ich habe den Hang, immer sehr an mir herumzukritteln.

teleschau: Aber mal ehrlich, wenn man auf einem 42-Zoll-Bildschirm so erscheint, wie Gott einen schuf und sich bewusst macht, dass einen gleichzeitig auch ein paar Millionen Zuschauer so sehen, dann muss das doch zur Eitelkeit verführen ...

Tscharre: Mich nicht. Ich bin total bodenständig auf dem Land in Baden-Württemberg aufgewachsen, habe mehrere Geschwister... Diesen Film jetzt habe ich auch meinen in Österreich lebenden Eltern vorab geschickt. Als ich mal nachfragte, wie er ihnen gefallen hat, sagte meine Mutter nur: "Ach so, ja, der Film ... Da bin ich leider eingeschlafen." Mein Vater tadelte mich hingegen ein bisschen dafür, dass "da ja schon so einiges dringewesen" wäre ... Mehr wollte oder konnte er dazu nicht sagen. Nein, da wird man nicht zur Diva. Wobei es vielleicht gar nicht so schlecht wäre, ein bisschen mehr Diva zu sein (lacht).

teleschau: Welchen Vorteil hätte das denn?

Tscharre: Diven haben einen speziellen Zauber, etwas, das andere verführt. Wahrscheinlich träumen aber viele ganz normale Frauen heimlich diesen Diven-Traum (lacht).

teleschau: Finden Sie eine solche Geschichte wie im Film eigentlich glaubwürdig?

Tscharre: Die Frage stellte ich mir gar nicht. Aber eine junge Frau, die sich in einen älteren Herren verliebt - das ist ja per se nichts Ausgeschlossenes. Und manchmal gibt es im Leben diese gewissen Situationen, da passieren die Dinge eben einfach, dann ist es um einen geschehen, und man kommt gar nicht mehr zum Nachdenken.

teleschau: Die Liebe!

Tscharre: Genau. Ist es wirklich Liebe, dann erweisen sich auch die abenteuerlichsten, schwierigsten Schritte als richtig. Es gibt dann sowieso keine Alternative - sonst würde man es sein Leben lang bereuen.

teleschau: Im Film schlägt die Liebe beinahe ein wie der Blitz. Die wesentlichen Entscheidungen werden binnen Sekunden getroffen ...

Tscharre: Ja. Es gehört schon auch eine große Portion Mut dazu, die richtigen Augenblicke zu erkennen und seinem Impuls zu folgen. Es geht um dieses besondere Gefühl, das wohl jeder kennt: Oh Gott, mit mir ist gerade etwas ganz Wunderbares und zugleich Schreckliches passiert, das passt doch gar nicht in mein Leben, was soll das jetzt?

teleschau: Schaffen Sie es denn, auf Ihren Bauch zu hören? Oder sind Sie eher kopfgesteuert?

Tscharre: Ich versuche, eine gute Mischung hinzubekommen. Ich habe immer recht gute Intuitionen - aber ich kann auch nicht, ohne nachzudenken. Ich habe aber schon oft erfahren müssen, dass es ein Fehler war, nicht gleich aufs erste Gefühl zu hören (lacht). Bei Rollenangeboten gehe ich im Grunde immer nach meinem ersten, spontanen Gedanken.

teleschau: Welch ein Kontrast: Jetzt dieser Liebesfilm - dann, Ende Oktober, kommt Dominik Grafs Mafia-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" endlich auch ins ARD-Programm. Sie spielen eine harte LKA-Polizistin, die für Korruption nicht ganz unanfällig ist ...

Tscharre: Ist das nicht wunderbar? Genau dafür liebe ich diesen Beruf. Es ist ja nicht nur die Vielseitigkeit, sondern man erlebt einfach auch eine Menge. Auf "Im Angesicht des Verbrechens" bereitete ich mich intensiv mit einem sehr anstrengenden Sportprogramm vor. Ich machte Schießübungen, hatte Boxtraining ... Um diese Rolle spielen zu können, wollte ich auch körperlich in Form sein.

teleschau: Und wie war die Vorbereitung bei "Letzter Moment"?

Tscharre: Da war ich für eine Woche auf einer Insel. Jeden Tag ging ich mit dem Drehbuch in der Hand zum Strand und beschäftigte mich von morgens bis abends mit nichts anderem als dieser Geschichte.

teleschau: "Im Angesicht des Verbrechens" wird überschwänglich und wohl zu Recht als eine der besten deutschen Krimiserien aller Zeiten gelobt. Sind Sie stolz, dabei gewesen zu sein?

Tscharre: Und wie! Ich glaube, allen bei der Produktion ging es schon während der Dreharbeiten so, dass wir dachten: Wow. Was wir hier machen, ist etwas Besonderes! Es war aufregend.

teleschau: Warum sieht man so viel Qualität nicht häufiger?

Tscharre: Ich weiß es nicht genau, aber wahrscheinlich ist es eher eine Frage des Mutes als des Geldes. Es ist auch noch gar nicht erwiesen, dass "Im Angesicht des Verbrechens" beim breiten Publikum ankommt. Vielleicht sagen ganz viele Leute schon bei der ersten Folge, dass sie auf diese ganze Russen-Thematik keine Lust haben und schalten um. Diese Serie verlangt dem Zuschauer einiges ab. Sie ist hart, erfordert es, sich hineinzudenken ...

teleschau: Ist das dem Publikum etwa nicht zuzutrauen?

Tscharre: Es liegt ja nicht an den Leuten, dass sich die Sehgewohnheiten verändert haben. Heute macht man den Fernseher an und wird auf ganz leichte Weise unterhalten. Dass aber Fernsehen auch mal sperrig ist und man sich darauf einlassen muss, und zwar zehn Folgen lang in diesem Falle, ist einfach nicht üblich. Aber ich wünsche mir unglaublich, dass es sehr, sehr viele sind, die hier gegen ihre Gewohnheit entscheiden und dranbleiben! Denn klar, wenn das gut läuft, könnte es schon etwas auslösen, vielleicht eine Art Startschuss für weitere gute Produktionen sein.

teleschau: Sie drehten im Sommer in New York das Katie Fforde-Drama "Harriets Traum". Wie war es?

Tscharre: In Manhattan? Gigantisch! Unglaublich! Aber mir persönlich viel zu hektisch. Ich habe mich lieber in kleineren, grüneren Vierteln aufgehalten, wo ich zu Fuß gehen konnte. Eine schöne Erfahrung, aber das Großstadtleben in New York hat mich definitiv nicht fasziniert. Wir leben zwar in Berlin, aber auch dort kann man ja sehr grün leben - außerdem arbeiten wir gerade daran, unseren Traum vom Domizil auf dem Lande zu verwirklichen.

teleschau: Mal ehrlich: Wenn Sie so in Ihrer Manhattaner Hotelsuite in den Spiegel schauten, was dachten Sie da? Dass Sie es geschafft haben?

Tscharre: Das denke ich hoffentlich nie. Denn wenn man das denkt, ist es vielleicht schon alles vorbei. Dazu ist meine Neugier auf alles, was vor mir liegt, viel zu groß.

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Diese News wurde am 03.09.2010 um 16:59 Uhr von Redaktion veröffentlicht.
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