
Mancher mag vom rebellischen Trotzkopf Robert Stadlober enttäuscht sein. Der zum Enfant terrible Hochstilisierte überlegt jetzt erst, bevor er redet. Sein großer Erfolg "Crazy" ist zehn Jahre her, und er wird auch nicht mehr als junger Kinski gefeiert. Zeit für den Halbösterreicher mit Wohnsitz in Berlin, einfach erwachsen zu werden. Dabei stellt er sich oft selbst in Frage, was man als neue Bescheidenheit werten darf. Die blonden Haare sind vorne immer noch länger als hinten, der schwarze Hut aber liegt nur neben ihm auf den Tisch. Er muss nicht mehr auffallen, um zu erklären, dass er mit der Welt oft nicht einverstanden ist. Der 28-Jährige spricht über Schrott im Fernsehen, die unverdauliche Geschwindigkeit des Lebens und sein Dasein als Parasit. Beinahe passend zu seinem aktuellen Film. An der Seite von Maja Schöne spielt er die Hauptrolle in einem kontroversen Drama über ein junges Paar, das sich als moderne Dienstleister im zwischenmenschlichen Bereich versteht. Sie geben, aber sie nehmen auch: "Zarte Parasiten" eben (Kinostart: 09.09.).
teleschau: Um welche Art Parasiten geht es denn in diesem Film?
Robert Stadlober: Ich glaube, dieses vagabundierende Pärchen füllt jenseits jeglicher Sozialromantik Leerstellen. Allerdings möchten beide für das, was sie für andere tun, auch Geld bekommen. Sie finden in gewisser Weise sogar eine Marktlücke.
teleschau: Bei der Kundenakquise sind sie aber nicht ehrlich, sondern schleichen sich von hinten ins Leben der Menschen ...
Stadlober: ... weil das nur so geht. Man kann nicht bei Fremden an die Tür klopfen und sagen: "Ich glaube, Sie sind einsam, ich würde Ihnen gern Gesellschaft leisten."
teleschau: Geh ich recht in der Annahme, dass Ihr Herz für Außenseiter groß ist?
Stadlober: Relativ groß würde ich meinen. Ich bin fasziniert von Menschen, die ihr Leben anders hinkriegen, als es die Norm vorgibt. Und ich möchte das selbst auch, denn ich spüre eine gewisse Unzufriedenheit mit der Art und Weise, wie wir so leben.
teleschau: Woher rührt die Unzufriedenheit?
Stadlober: Auch Generationen vor mir merkten, dass was nicht stimmt. Mittlerweile verändern sich Dinge so schnell, keiner kommt mehr hinterher. Strukturen werden permanent über den Haufen geworfen, sodass uns die Beständigkeit fehlt. Geschwindigkeit bestimmt unser Leben: Sogar das Kleingeld beim Zigarettenkaufen wird schneller zurückgegeben als vor zehn Jahren. Über diese Schnelligkeit verliert man den Blick fürs Leben. Also widmen wir uns der vorgeschriebenen Individualisierung. Die ist Gesetz. Jeder muss ganz besonders sein und wird darüber immer einsamer.
teleschau: Eine logische Kette, die einen traurig stimmen kann.
Stadlober: Das ist nicht der Idealzustand, und mich macht es ein bisschen ärgerlich. In einen Pfandautomaten im Supermarkt stelle ich vorne die Flasche rein und hinten nimmt sie ein Mensch raus. Wie absurd. Der Autor Douglas Coupland meint, dass wir quasi in der Zukunft leben. Ich staune ständig über Dinge: Vor zehn Jahren hat mich Internet nicht interessiert, jetzt geht es nicht mehr ohne. Ich konnte mir weder ein iPhone noch einen MP3-Player vorstellen ... Der hat viele Leben leichter gemacht, das Leben der Plattenfirma schwerer.
teleschau: Davon sind Sie selbst betroffen, da Sie seit fünf Jahren ein eigenes Label Siluh betreiben.
Stadlober: Wobei ich mich darüber nicht beschweren möchte. Das ist eine selbst gewählte Aufgabe. Wir sind drei Leute, daher erledige ich ein Drittel der Arbeit und habe gelernt was es bedeutet, Verantwortung für andere zu tragen. Als Schauspieler habe ich mich nur um mich gekümmert. Nach meinen Dreharbeiten konnte ich in Urlaub fahren, bei einem Label steht die nächste Sache vor der Tür. Wollte ich auf ein Interview verzichten, war das nur mein Problem. Wenn ich bei meiner Labelarbeit einen Anruf nicht tätige, platzt vielleicht ein Konzert oder ein Album wird nicht besprochen. Verantwortung für andere zu lernen, gab mir eine neue Sicht auf die Dinge. Es ist angenehm zu merken, dass man vielleicht gewisse Pflichten hat.
teleschau: Das klingt ja nach einem zuvor beinahe parasitären Leben?
Stadlober: Bisschen schon, wenn man betrachtet, dass die meisten Leute in meinem Umfeld nicht so einfach Geld verdienen wie ich. Mir fielen, im Nachhinein betrachtet, viele Dinge in den letzten Jahren zu. Andere kellnern für fünf Euro die Stunde, obwohl sie großartige bildende Künstler sind. Ich sehe Schauspieler, die Sachen hinkriegen, die ich nie so können werde und doch geht nichts voran bei ihnen. Ich hingegen krieg auf manchen Veranstaltungen fürs Rumstehen Geld. Vielleicht ist es aber an der richtigen Stelle parasitär.
teleschau: Oh, inwiefern?
Stadlober: Wenn ich das Geld nehme, kriegt es vielleicht kein Riesenarschloch (lacht). Ich kauf mir keinen Sportwagen dafür, sondern versuche es in meinem Umfeld zu verteilen. Aber natürlich ist es trotzdem ungerecht, dass ich Glück habe und andere nicht.
teleschau: Dabei bringen Filme wie "Zarte Parasiten" doch kaum etwas ein.
Stadlober: Stimmt, ich hätte sehr viel mehr Geld und Ruhm wenn ich öfter "Ja" gesagt hätte. Aber das leiste ich mir, weil ich nur für mich sorgen muss. Wenn sich das ändert, werde ich mich auch auf einer Alm oder in einem weißen Kittel in einer Vorabendserie wiederfinden. Mancher Schrott im Fernsehen wird für unglaublich viel Geld produziert. Wenn diese Mittel ein wenig anders verteilt würden, ginge es uns allen besser.
teleschau: In den USA spenden Milliardäre einen Teil ihres Vermögens an wohltätige Organisationen. Das ist auch eine Umverteilung.
Stadlober: Weil sie nicht mehr wissen, wohin damit. Vielleicht ist der Grund der nahende Tod und die Angst vor der Paradiespforte, wer weiß? Aber sollen sie machen. Unangenehm finde ich es nur, wenn man darüber dauernd Interviews gibt. Der erkaufte gute Mensch ist schon irgendwie eklig. Ebenso wenig mag ich Prominente, die sich werbenderweise in den karitativen Dienst stellen und den Anschein erwecken, dass sie ein guter Mensch sind. Mag sein, dass das bei Älteren ankommt, mir wird dabei schlecht.












