
Extrem laut, extrem unwirklich ist dieses Tokio, das Gaspar Noé erkundet. Aus der Vogelperspektive zeigt der französische Regisseur eine Metropole der Exzesse, erzählt eine Geschichte, die so intensiv ist, dass Kino physisch erlebbar ist (und wegen der Stroboskop-artigen Schnitte, grellen Farben und extremen Sounddesigns nicht für Epileptiker geeignet). "Enter the Void" ist die Geschichte eines Toten, der über der Stadt schwebt - in der Vergangenheit, in der Gegenwart, in der Zukunft.
Der Tod steht am Anfang. Aber das ist bei Noé nichts Neues. Seine umstrittene Kinoprovokation "Irréversible" (2002) begann mit einem Feuerlöscher, der den Kopf eines Mannes, eines Vergewaltigers, zertrümmerte. Damals erzählte Noé rückwärts, beginnend mit der Selbstjustiz am Ende, über die detailliert gezeigte Vergewaltigung, die vorausgehende Party ... In Tokio nimmt sich der Franzose Zeit, umherzuschweifen - er nimmt sich Zeit, die Zeit aus ihrem linearen Korsett zu befreien, in das sie von den Menschen gezwängt wird.
Es ist ein kompletter Bruch mit herkömmlichen Erzählstrukturen, ein Experiment der Formen, das sich ein unkalkulierbares Eigenleben gönnt. In "Enter the Void" steht nicht die Provokation durch drastische Bilder im Mittelpunkt, wiewohl es sie gibt: Nach einer Abtreibung liegt ein Fötus blutverschmiert und verloren in einer Nierenschale. Hier geht es mehr um die Erkundung gestalterischer Möglichkeiten.
Die Story verblasst gegenüber den psychedelischen Farb- und Formenspielen, mit denen Tokio zum artifiziellen Zufluchtsort verlorener Existenz wird. Dort haben sich Oscar (Nathaniel Brown) und Linda (Paz de la Huerta) verkrochen: Bruder und Schwester, die vor dem Schmerz und der Einsamkeit fliehen mussten. Ihre Eltern waren bei einem Autounfall gestorben. Im Drogen- und Nightclubmilieu treiben sie sich herum, immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Bis Oscar, nach einem Verrat, von einer Kugel getroffen wird und sein Geist die sterbliche Hülle verlässt.
Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft - von oben betrachtet, gibt es keine Unterschiede. Oscar schwebt über den Dingen, beobachtet aus der Egoshooter-Perspektive die Ereignisse, die zu seinem Tod führen und versucht, ein Versprechen einzuhalten, das er Linda einst gab: Er wollte seine Schwester nie allein lassen. Ein optimistisches Vorhaben, in einem Moloch von Stadt, in dem sich die Geschwister längst verloren hatten. In Drogen, in Sex, in Gewalt.
Noé hat einen groben Handlungsrahmen gezimmert für seinen Mix aus Thriller und Liebesfilm, einen, dessen Elemente nicht unbekannt sind. Verloren im Dschungel aus Beton, Licht und Geräuschen sucht Oscar nach Erlösung, Linda nach einem Ausweg. Dabei ist ihre Flucht ins Leere bereits beendet, wenn der Film beginnt. Sie müssen es sich nur eingestehen. Aber das fällt Europäern, die sich in Tokio verlieren, im Kino traditionell nicht leicht.
Zweieinhalb Stunden lang ist Noés radikale Reflexion über Tod und Vergänglichkeit, über das Leben im Jenseits und die Möglichkeiten, das Diesseits zu beeinflussen. - Fickerei, Crack, Tod: Flashbacks und Visionen verschieben ununterbrochen die Perspektiven. Stillstand ist dabei nicht vorgesehen. Die Kamera, und damit Oscar, ist ständig in Bewegung, schwebt über den Dingen, beobachtet von oben, observiert, lauert und schaut zu, wie sich die Dinge in der realen Welt entwickeln. Die allerdings wird, begleitet von treibenden Bässen und flirrenden Computeranimationen, in einem Rausch aus Formen und Farben zu einer Halluzination.









