Lektionen eines Egomanen

Ich & Orson Welles

Leben, Leidenschaft, Liebe: Die Bühne vereint alles. Erst recht, wenn Orson Welles (1915 - 1985) in der Nähe ist. Regisseur Richard Linklater ("Before Sunrise", "School of Rock") widmet dem Theater-, Radio- und Filmgenie eine brillante, lustvolle und lebendige Hommage aus der Perspektive eines Teenagers: "Ich & Orson Welles" entstand bereits 2008 und findet nun - zum Glück - mit einiger Verspätung den Weg ins Kino.

"Wir warten auf Orson!" - Natürlich. Die Theater Companie in New Yorks Wolkenkratzerschlucht vertreibt sich die Zeit mit Witzchen und Anekdoten, mit Improvisationen und Imitationen: Orson Welles ist unpünktlich. Aber das scheint niemanden zu stören, der vor dem Mercury Theater rumlümmelt.

Irgendwann taucht Orson Welles auf: eine heftige Rampensau, die, anders als alle anderen, den Durchblick hat. Der fantastische Hauptdarsteller Christian McKay etabliert in wenigen Augenblicken ein nicht unsympathisches Egoschwein, dessen Genialität angeboren ist und der sich nicht um die sozialen Dissonanzen kümmert, die sein Auftreten provoziert. Muss er auch nicht: Ohne Megaego kommt man einfach nicht weit, und die Menschen um ihn herum sind meist ausreichend ehrfürchtig.

Richard etwa, ein Teenager, der vom Theater träumt und zufällig am Mercury Theater vorbeischlendert. Er lässt sich schnell verführen von Welles, der ihm eine kleine Rolle in seiner Produktion anbietet: "Julius Caeser", die bahnbrechende Inszenierung von 1937. Dass sie legendär werden sollte, wusste bei den Proben niemand. Außer Welles. Natürlich. Und Richard, der geblendet und fasziniert ist, tief eintaucht in die Welt des Theaters und sich treiben lässt. "High School Musical"-Star Zac Efron ist in dieser Rolle dem fantastischen Welles-Darsteller Christian McKay ein ebenbürtiger, erfrischend naiver Partner.

Regisseur Richard Linklater, der sich immer schon für die Irrungen und Wirrungen der Jugend interessierte, für ihre Wünsche, zerplatzten Träume, für den Kampf, den passenden Platz in der Welt zu finden, erzählt "Ich & Orson Welles" aus Richards Perspektive - mit all der Bewunderung, der Neugier, der Kompromisslosigkeit und der emotionalen Ehrlichkeit. Und natürlich mit den harten Lektionen, die das Leben bietet: über Macht und ihren Missbrauch, über Ausnutzung und Verrat.

Besser als im Theaterumfeld lässt sich all das nicht zeigen. Auf der Bühne wird das Leben zum Konzentrat - und Orson Welles ist ein Protagonist, der dieses Konzentrat noch einmal konzentriert. So charmant er sein kann, so unnachgiebig und egoistisch ist er auch. Richard wird in den wenigen Wochen, die er mit dem Theater- Radio- und Filmgenie verbringt, mehr lernen, als viele Menschen im ganzen Leben.

Dass er auf die Nase "gefallen werden wird", ist unvermeidbar. Dabei ist der Grund für Welles' Schubser ein relativ nichtiger: Es geht um eine Frau. Richard verknallt sich in die Assistentin, die sein Lehrmeister selbstredend für sich reserviert hat. Sonja (Claire Danes) lässt sich sogar auf eine Affäre mit dem Teenager ein, eine reine Lustepisode. Aber sie gehört natürlich Orson Welles: weil Sonja Träume hat - ein Angebot von Hollywood-Mogul David Selznick -, für die sie sich hingeben muss.

Mit lockerer Hand, cool und unbeschwert taucht Richard Linklater in diesen Kosmos aus Wahnsinn und Leidenschaft ein. Ein Kosmos, der eine reale Episode aus Orson Welles' Leben mit fiktiven Elementen erzählt und mit hübschen Anekdoten anreichert. Etwa, dass sich Welles mit einem Krankenwagen durch New York chauffieren lässt, um auf den verstopften Straßen schneller voranzukommen.

"Ich & Orson Welles" ist ein Film über das Suchen und Finden, mit unnachahmlicher Lässigkeit erzählt: Irgendwann zu Beginn des Films trifft Richard in einem New Yorker Buchladen ein junges Mädchen. Sie ist Autorin und hofft auf eine Veröffentlichung. Er sagt, er sei beim Theater. Da sucht er aber noch - und findet bald: Orson Welles. Sie haben beide Träume, die sich vielleicht erfüllen. Bis es so weit ist, unterhalten sich über Musik. In den 30ern heißt das Jazz, ist aber ansonsten auch nicht anders als heute. "Kennst Du den?" - "Hast Du das Stück gehört?" - "Die haben so was Frisches und sprechen mir aus der Seele." Cooler geht's einfach nicht.

Details

  • Drehbuch: Andreas Fischer
  • Regie: Richard Linklater
  • Darsteller: Zac Efron, Christian McKay, Claire Danes
  • Land: GB
  • Jahr: 2008
  • Genre: Drama
  • Spielzeit: 109 Min.

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Diese News wurde am 20.08.2010 um 16:26 Uhr von Redaktion veröffentlicht.
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