
Schon immer habe sie Tarzan geliebt, erinnert sich Jane Goodall. Sie war fasziniert von diesem Mann, der in der Wildnis lebte, sich an Lianen von Baum zu Baum schwang und sich mit Affen umgab. Wie gern hätte sie diese Welt mit ihm geteilt. Doch was macht er? Er heiratet die falsche, die weinerliche Jane. Ihren Traum erfüllte sich Goodall dennoch und wurde mehr, als Tarzans Jane wohl jemals hätte sein können: Abenteurerin, Globetrotterin, Verhaltensforscherin, Umweltaktivistin, Friedensbotschafterin, Inspirationsquelle, Lichtgestalt. In seinem Dokumentarfilm "Jane's Journey" begleitet Filmemacher Lorenz Knauer "Die Lebensreise der Jane Goodall": den Weg einer außergewöhnlichen Frau.
Dass sie gelegentlich noch mit Dian Fossey verwechselt wird - obwohl diese im Dschungel ermordet wurde - ist nicht verwunderlich: Beide Frauen wurden, wie auch Biruté Galdikas, vom Paläoanthropologen Louis Leakey in die afrikanische Wildnis gesandt, um Affen zu beobachten. Während sich Fossey Gorillas und Galdikas Orang-Utans widmete, fand Goodall, damals Mitte zwanzig, ihren Platz bei den Schimpansen Tansanias.
Alte Briefe berichten von den Emotionen bei ihrer Ankunft, Fotos dokumentieren Janes neues Leben. Es dauerte eine Weile, bis sich die Primaten an ihre neue Nachbarin gewöhnten: "Schimpansen sind konservativ", erinnert sich die mittlerweile 76-Jährige. "Sie hatten noch nie einen weißen Affen gesehen." Die Aufnahmen, die Lorenz Knauer von einem heutigen Besuch im prächtig fotografierten Dschungel liefert, lassen die anfängliche Scheu kaum vermuten. Mit bemerkenswerter, fast fühlbarer Ruhe nimmt Goodall in der unmittelbaren Umgebung der wilden Tiere Platz, ohne dass sich diese davon beeindruckt zeigen. So war es der Britin schließlich damals auch möglich, ihrem Mentor von einer bahnbrechenden Beobachtung zu berichten: Schimpansen benutzen Werkzeuge - ein Vorgehen, das nur dem Menschen zugeschrieben wurde.
Jane Goodall lebte das Leben, von dem sie als kleines Mädchen träumte. Und doch war sie bereit, es aufzugeben: Als ihr bei einer Konferenz in den 80er-Jahren vor Augen geführt wurde, wie der Mensch tierischen Lebensraum zerstört und Affen zu Forschungs- oder Unterhaltungszwecken missbraucht, erwachte in ihr das Verlangen, etwas dagegen zu unternehmen. Seither reist die Frau mit dem wachen Blick 300 Tage im Jahr, hält Vorträge, startet Initiativen und steckt andere mit ihrem Enthusiasmus an. Nicht nur für Umwelt und Tiere setzt sich die rastlose Dame ein, auch der Kampf gegen Armut steht auf ihrem Programm. Warum die für ihr soziales Engagement bekannte Schauspielerin Angelina Jolie Jane Goodall als Inspiration bezeichnet, ihre Nähe und ihren Rat sucht, lässt sich problemlos nachfühlen.
Wie bewundernswert das Wirken, die Vision und die Energie dieser Frau ist, daran lässt der erfreulich wenig missionarische Dokumentarfilm keinen Zweifel. Doch will man mit ihr tauschen? Lorenz Knauer verpasst es nicht, die Entbehrungen, die das Dasein einer Lichtgestalt begleiten, anzusprechen: Die Beziehung zu ihrem Sohn Hugo, der sich früher wohl oft eher nach einer Mutter als nach einem "wandelnden Engel" sehnte, erholt sich erst seit einigen Jahren wieder. Urlaub, so erklärt die Schwester der Vielfliegerin, habe eine Jane Goodall nicht.
Von Entbehrungen aber will diese nichts wissen. Nein, die weinerliche Jane aus Tarzan ist sie wirklich nicht. Und doch wird man nach rund eineinhalbstündigem Einblick in das Leben dieses 76-jährigen Energiebündels das Gefühl nicht los, dass Goodall sehr wohl weiß, worauf sie in ihrem Leben verzichtete, um dafür zu kämpfen, das Leben anderer zu verbessern.









