
Auf Max Jerry Horowitz fällt ihre Wahl, als sie das Telefonbuch von New York nach einem geeigneten Brieffreund absucht. Den wer, wenn nicht ein Amerikaner, könnte der kleinen wissbegierigen Mary Daisy Dinkle die Frage beantworten, ob Babys in Amerika aus Coladosen oder aber wie in ihrer Heimat Australien aus Bierkrügen kommen. Es mögen kindliche Fragen sein, die in "Mary & Max oder Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?" aufgeworfen werden. Wer jedoch seine Kinder in die Kinovorstellung des mehrfach ausgezeichneten Knetanimationsfilms mitnimmt, muss damit rechnen, anschließend selbst mit einigen, nicht unbedingt einfachen Fragen konfrontiert zu werden.
Trostlos ist die in Brauntönen gehaltene Welt, in der die achtjährige Mary aufwächst: Weder ihr Vater, Teebeutelfabrikant und Hobby-Tierpräparator, noch ihre Mutter, eine sherrytrinkende Ladendiebin, nimmt sich Zeit für das Mädchen mit den schlammfarbenen Knopfaugen. So freut sie sich über alle Maßen, als sie tatsächlich einen Brief aus dem grauen, nicht minder trostlosen New York erhält: Amerikanische Babys, heißt es darin, entschlüpfen aus Eiern, die je nach Religionszugehörigkeit von Nonnen, Rabbis oder Prostituierten ausgebrütet werden. Das jedenfalls wurde Max vor vielen, vielen Jahren einmal von seiner Mutter erzählt und von ihm seither nicht in Frage gestellt. Denn da der Goldfischfreund nicht nur unter Einsamkeit und Übergewicht, sondern auch unter dem Asperger-Syndrom leidet, kommt ihm die Welt im Allgemeinen oft sehr komisch vor. Bald schon schicken sich die beiden Außenseiter regelmäßige Pakete, in denen sie nicht nur Briefe, sondern auch ihre Lieblingssüßigkeiten, Plastikfiguren und weitere Weisheiten austauschen.
Wie ein liebevoll illustrierter Briefroman erzählt der Film von einer Freundschaft, die trotz großer Distanz Jahre überdauert. Und das trotz einiger Ups und Downs: So ist Max höchst erzürnt, als die mittlerweile erwachsene Mary ihn zum Studienobjekt ihrer Autismusforschung macht. Er hört auf zu schreiben, woraufhin die ohnehin schon gebeutelte Studentin in eine tiefe Lebenskrise rutscht. Auch Knetfiguren können weinen.
Nicht nur thematisch heben sich "Mary & Max" von anderen Animationsfiguren ab: Trotz der großen Zeitspanne, in der sich die Charaktere entwickeln, setzte Regisseur Adam Elliot im Zeitalter der CGI-Animation auf Langsamkeit. Statt fetziger Dialoge wählte er tiefgründigere, aber nicht minder komische Erfahrungsberichte, statt eines Effektfeuerwerkes unschuldig-naiven Humor, der in dem tristen Setting genauso überrascht wie einzelne rote Tupfer in der grauen beziehungsweise braunen Welt der Figuren.
"Mary & Max" wachsen nicht über sich hinaus, springen nicht über ihre Schatten und kämpfen nicht gegen übermächtige Gegner. Ihre einzige Heldentat besteht darin, sich nicht unterkriegen zu lassen von ihren tragischen Biografien und Lebensumständen, die auf den ersten Blick vielleicht absurd erscheinen, auf den zweiten jedoch näher an der Wirklichkeit dran sind, als manches Drama von sich zu behaupten wagt. Konsequent entschied sich Adam Elliot, der sich von einer eigenen Brieffreundschaft inspirieren ließ, auch für ein ungewöhnliches Ende seiner ungewöhnlichen Geschichte: kein glückliches, aber ein schönes.













