
Nein, besonders ausgewogen klingt "Is This Hyperreal?", das neue Album von Atari Teenage Riot, nun wirklich nicht. Andererseits: Die Band um Alec Empire funktioniert seit jeher - und das sind bald auch schon 20 Jahre - über Steigerungsformen jener musikalischen Attribute, die von vielen als unangenehm empfunden werden. Deftige Lautstärke, übersteuerte Bassspuren, Hintergrundrauschen, Geschwindigkeiten jenseits der Erkennbarkeit. Das ist nicht nur simpel, sondern auch legitim, vor allem aber logisch: Künstler, die auf Missstände innerhalb der Gesellschaft hinweisen wollen, funktionieren schließlich vor allem dann, wenn die Botschaft so verpackt wird, dass sie dem Hörer wild fauchend ins Gesicht springt.
So verwundert es kaum, dass trotz einer Neubesetzung - mit CX Kidtronik findet sich nun ein Rapper im Ensemble, der gut zur Stimme von Nic Endo passt, die Hanin Elias ersetzt - der Stilmix der Band ähnlich geblieben ist. Industrial-Patterns treffen auf Thrash-Metal-Gitarren. Avantgarde-Noise, Störgeräusche und postmoderne Field Recordings gehen eine Liaison mit Hardcore ein. Die Breakbeats, so sagt die Band selbst, seien etwas in den Hintergrund gerückt. Und auch wenn der Drumcomputer nach wie vor das stilprägendste Instrument ist, hat das Ganze mit Dance nie etwas zu tun, eher erinnert es an Filmscores.
Auch die Schlagworte ähneln denen, mit denen die Band in den 90er-Jahren handelte. Es geht um Kulturen und Gegenkulturen im analogen wie digitalen Bereich, um Cyberwars, um Hacking, aber auch um die Revolution, die durchaus direkt benannt und beschrieben wird: "Achtung, Achtung. Hier spricht Atari Teenage Riot. Wir haben uns verbündet und werden über den Rasen zum Bundestag marschieren. Zu einem Bundestag, der nicht mehr das Volk vertritt, sondern die Konzerne. Und wir werden sagen: 'Hände hoch! Kommen sie mit gehobenen Händen raus", heißt es im Titeltrack. Kann man ablehnen. Man kann aber auch sagen: Diese Band besitzt wenigstens so etwas wie eine Aussage.
Atari Teenage Riot auf Deutschland-Tournee:
16.07., Gräfenhainichen, Melt Festival
13.08., Hildesheim, M'era Luna Festival
13.10., Leipzig, Werk 2









