
Krakau. Andrea Pirlo dichtet dem DFB-Team „Angst“ an, doch Verletzungssorgen lassen vor allem Italien zittern. 2186 Tage nach dem glorreichen Sieg der Squadra Azzurra bei der WM 2006 in Deutschland ist der „Pilgervater“ Cesare Prandelli bei der Neuauflage des Halbfinal-Thrillers gegen den Lieblingsgegner mehr denn je als Taktikfuchs gefragt. Erste Verschleißerscheinungen im EM-Team der Azzurri bereiten dem Coach Sorgen - doch „Iceman“ Pirlo bleibt ganz cool.
„Man sollte im Fußball nicht von Revanche sprechen“, sagte der geniale Stratege, „das wird einfach ein würdiges Halbfinale.“ Eine Spitze gegen den Gegner konnte aber auch er sich nicht verkneifen. Angesichts der italienischen Traumserie und keiner einzigen Niederlage in sieben Spielen gegen den dreimaligen Weltmeister bei großen Turnieren meint Pirlo: „Deutschland hat sicher Angst vor uns.“
Diese Aussage ging selbst seinem Trainer zu weit. „Die deutsche Mannschaft ist gewachsen und gefestigt und tritt mit viel Selbstvertrauen auf. Ich glaube nicht, dass die Deutschen Angst haben werden“, sagte Prandelli und ist überzeugt: „Die Statistik wird keine große Rolle spielen.“
Ohnehin hat Prandelli drängendere Probleme, denn er könnte zu einschneidenden Veränderungen gezwungen sein. Seinen ersten Rechtsverteidiger Ignazio Abate plagen muskuläre Beschwerden im Oberschenkel, Ersatz Christian Maggio ist gesperrt. Innenverteidiger Giorgio Chiellini, der beim Viertelfinalsieg im Elfmeterschießen gegen England wegen einer Oberschenkelverletzung gefehlt hat, läuft die Zeit davon. Die Gazzetta dello Sport schreibt nicht von ungefähr: „Prandelli hofft auf das Wunder Chiellini.“
Selbst die Option, wie in den ersten beiden Gruppenspielen mit einer Dreierkette um Daniele De Rossi aufzulaufen, könnte hinfällig werden. De Rossi, neben Pirlo, Kapitän Gianluigi Buffon und Andrea Barzagli der letzte Weltmeister von 2006 im Team, plagt sich mit Rückenproblemen herum.
Prandelli versucht, Selbstbewusstsein auszustrahlen. „Die Mannschaft ist physisch und psychisch zu 100 Prozent fit. Wir dürfen keine negativen Gedanken hegen. Unser Adrenalinspiegel ist immer noch hoch, wir haben große Lust - wir brauchen uns keine Sorgen um die Fitness zu machen“, sagte der Coach, der aber „ein paar Kopfschmerzen“ einräumte: „Es wird sehr wichtig sein, im Abschlusstraining zu sehen, wer fit ist.“
Der Respekt vor der deutschen Mannschaft, vor allem aber vor der Offensive, ist riesengroß. „Wir müssen die Momente nutzen, in denen Deutschland schwächer sein wird. Jede Mannschaft hat solche Phasen“, sagte Prandelli: „Aber sie sind stark, mit ihrem Regisseur Özil. Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir noch kreativer werden.“
Auch Pirlo hebt seinen Spielmacher-Kollegen hervor. „Deutschland hat viele Top-Spieler, aber ich denke Özil ist sehr wichtig, genau wie für Real Madrid“, sagte der 33-Jährige: „Fest steht: Deutschland ist vor allem offensiv eine größere Bedrohung für uns als England.“ Dem Viertelfinale hatte Pirlo mit seinem frech-genialen Lupfer im Elfmeterschießen einen ganz besonderen Stempel aufgedrückt.
Problematisch, aber nicht dramatisch sehen der Mann für die besonderen Momente und auch Prandelli die Tatsache, dass die DFB-Elf nach dem Viertelfinale gegen Griechenland zwei Tage mehr Pause hat. „Das ist eine lange Zeit“, sagte Pirlo und forderte genau wie sein Coach für künftige EM-Endrunden eine Entzerrung des Spielplans.
Auf Verweise zu den historischen Duellen wie dem WM-Viertelfinale 2006 oder dem von 1970, das Italien mit 4:3 nach Verlängerung gewann, legt Prandelli keinen großen Wert. „Auf die Vergangenheit können wir nicht bauen. Wir müssen unser Spiel selbst gestalten. Das wird am Wichtigsten sein.“
Text: Von unseren Agenturen


















